Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die «Volksstimme» Auszüge aus den Texten zu den acht Stationen des Rundgangs. Letzter Teil: Blick über Sissach mit Luggi Graf und Fritz Hodel.
Luggi Graf, die legendäre Fluhwirtin, hat viel dazu beigetragen, dass die «Sissacherfluh» von einer einfachen Baracke zu einer guten Bergbeiz und damit zu einem beliebten Ausflugsort für die Region geworden ist.
Als am 25. Oktober 1966 Louise Graf, genannt «Luggi» im Alter von nur 68 Jahren starb, erschütterte diese Nachricht viele. Insbesondere zu denken gab es jenen, die seit Jahr und Tag oben auf der «Sissacherfluh» zu einem Schoppen einkehrten. Luggi Graf, die Fluhbäiz-Wirtin, war mit der Fluh sozusagen untrennbar verbunden.
Dazu
Fritz Hodel: Knickerbocker, Krawatte und Kamera Die Themenweg-Station auf der Fluh widmet sich neben der Wirtin Luggi Graf dem Volkskundler, Fotografen und Naturschützer Fritz Hodel. Der Nachlass des Fotografen, Sammlers und Umweltschützers – die Hodel-Sammlung Sissach – umfasst eine Vielzahl eigener Glasdias und Negative sowie verschiedene weitere Fotosammlungen.
Fritz Hodel kommt am 5. April 1913 in Sissach zur Welt. Schon früh interessiert er sich für Technik und Natur. Die Schuhmachertradition seiner Familie lockt ihn dagegen wenig. Nach der Schule beginnt er Anfang der 1930er-Jahre eine Mechanikerlehre beider Maschinenfabrik Fritz Hunziker. Nach dem Lehrabschluss 1933 und weiteren beruflichen Stationen findet er bei Schindler Waggon in Pratteln seine Lebensstelle.
Bei Schindler arbeitet Hodel bis zur Pensionierung und darüber hinaus. Als Netzplantechniker sorgt er dafür, dass die Produktionskette funktioniert und die benötigten Teile rechtzeitig bereitstehen. In seinem Metier gilt er als Kapazität und ist hoch geschätzt.
Ein besonderes Kapitel seines Lebens ist das Militär. Nicht weniger als 923 Diensttage zwischen 1934 und 1958 sind in seinem Dienstbüchlein verzeichnet, ein grosser Teil davon Aktivdienst. Selbst damals setzt Hodel seine Leidenschaft fürs Fotografieren durch. Bekannt wird seine Postkarte «Wacht am Rhein» mit einem im Gegenlicht fotografierten Soldaten. Als General Guisan am 9. Februar 1940 die Sissacher Schuljugend vor dem Restaurant «Löwen» besucht, ist Hodel mit seiner zweiäugigen Mittelformat-Spiegelreflexkamera vor Ort.
Seine Neugier und seine Passion für die Fotografie lassen zahlreiche Bilddokumente von lokalhistorischem Wert entstehen. Heute werden sie von der Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Heimatschutz Sissach (AGNHS) archiviert. Hodel gehört selbst zu den prägenden Figuren des Vereins.
Auch sportlich zieht es ihn in die Natur. Als guter Skifahrer beteiligt er sich erfolgreich an Patrouillenläufen. Von 1945 bis 1986 ist er Mitglied des Schweizer Alpen-Clubs SAC und besteigt zahlreiche Viertausender in den Berner und Walliser Alpen sowie den Mont-Blanc.
In der AGNHS engagiert sich Hodel für Gewässerschutz, Hecken und Lebhäge sowie für geschützte Flächen im Rebberg. Mit seiner Beharrlichkeit trägt er wesentlich dazu bei, die Baumallee im Ebenrainpark zu retten, als Teile des Parks der Landwirtschaftsschule geopfert werden sollen.
Diplomatie ist allerdings nicht seine Stärke. Hat sich Hodel von einer Sache überzeugt, lässt er sich nur schwer davon abbringen. Legendär ist eine Gemeindeversammlung, an der er nach einer Abstimmungsniederlage die Primarschulturnhalle verlässt und dabei die Türfalle herausreisst – absichtlich oder versehentlich. Die Versammlung muss später durch den Geräteraum hinaus.
Hodel ist vor allem Praktiker und Tüftler. Für seine Wildtierfotografie konstruiert er einen eigenen Kameraauslöser und kontrolliert fast jeden Abend im «Tännligarten» oder auf der Isleten, ob die Apparatur funktioniert hat. So entstehen seltene Aufnahmen von Wildtieren. Unter seinen rund tausend Tierbildern befindet sich das bekannte Igelbild, das um 1970 mit seiner Rolleicord auf Diafilm entsteht. Der Schweizerische Bund für Naturschutz verwendet es später für Plakate und Werbung.
Spektakulär endet 1969 eine Aktion im Vorfeld der Abstimmung über die Wiedervereinigung beider Basel. Auf der Fluhkanzel errichten Hodel und Gleichgesinnte ein rund zehn Meter hohes Holzgerüst für eine weithin sichtbare Baselbieter Fahne. Beim Befestigen der Flagge bringt ein Windstoss Teile des Gerüsts zum Einsturz. Hodel stürzt hinunter und zieht sich unter anderem einen Kieferbruch zu.
Unverkennbar ist Fritz Hodel auch äusserlich: Bärtchen, strapazierfähige «Knickerbocker»-Kniehose und Krawatte gehören zu seinen Markenzeichen. Ein Auto besitzt er nie, lange Zeit auch weder Telefon noch Fernseher. Dafür liest er intensiv; seine zahlreichen Bücher sind voller Markierungen und handschriftlicher Notizen.
Hodel beteiligt sich zudem an verschiedenen Publikationen. 1980 gibt er gemeinsam mit Hans Buser-Karlen und der AGNHS den Fotoband «Alt Sissach» heraus. Regelmässig publiziert er auch in der «Volksstimme».
Geblieben ist vor allem sein fotografisches Vermächtnis: Tausende Aufnahmen, in denen sich technische Neugier, Naturverbundenheit und der wache Blick eines eigenwilligen Sissachers verbinden.